L e b e n s u m w e g e  -  E r f u r t

Die Selbsthilfegruppe für an Depressionen erkrankte Menschen und ihre Angehörigen

… die u. a. auch eine Ursache für eine Erkrankung an Depressionen sein kann bzw. auch als Symptom einer bereits vorhandenen Depressions-erkrankung auftreten kann.

Lesen Sie dazu auch: -► Einsamkeit: Ursache oder Symptom der Depression?

Was macht Einsamkeit mit einem Menschen?

Einsamkeit macht Körper und Psyche krank! Wer einsam ist, leidet häufiger an Krebs, Depressionen und Demenz und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Wissenschaftler*Innen sprechen von einer Epidemie, schlimmer als Adipositas, Bluthochdruck und Demenz.
Dieser kurze Text macht – vor allem in der Dramatik seines letzten Satzes – deutlich, wie Einsamkeit zu sehen und wofür sie mitverantwortlich ist.

Welche Anzeichen sprechen dafür, dass man chronisch einsam ist?

Nicht viele Menschen können auf echte Freund*innen zurückgreifen und viele von uns können von solche guten Freundschaften nur träumen, echte Freund*innen an einer Hand abzählen - und oft noch nicht einmal das.
Großstadtmenschen flüchten sich aus dem Stress ihres Lebens in einen „schweigenden Rückzug“ um darin zur Ruhe zu kommen. Im ländlichen Bereich ist es nicht viel anders und die sozialen / zwischenmenschlichen Kontakte „frieren“ auch hier ein.
Die zwischenmenschliche Kommunikation verlässt die normalen – gesunden – Bahnen immer mehr. Statt miteinander zu sprechen / zu telefonieren, schreibt man sich Textnachrichten per Chat / E-Mail / SMS / WhatsApp oder über die sozialen Medien, statt einem Mitmenschen nach dem Weg zu fragen, googeln wir diesen mit dem allzeit und überall verfügbaren Internet.
Adressen werden übers Internet gesucht und nicht selten sind Menschen genervt, wenn jemand unangekündigt vor ihrer Tür steht.
Das Menschen – wie manche von uns es noch kennen dürften - gemeinsam zum Essen, Plaudern, Spiele spielen, Basteln, Malen …  zusammen sitzen, gehört der Vergangenheit an.
Heutzutage dagegen sitzen viele zu Hause alleine vor ihren Handys und machen das perfekte Selfie, „telefonieren“ per Skype oder ähnlichem mit Mitmenschen und/oder ihren Lieben.
Selbst innerhalb der persönlichen Interaktion miteinander reißt das Handy Menschen aus ihrer laufenden Kommunikation, wenn es per Vibrationsalarm oder selbstgewähltem Klingelton eine „ach so wichtige Nachricht“ ankündigt, deren Inhalt man unbedingt sofort nachgehen muss und das lfd. Gespräch mit dem menschlichen Gegenüber sofort ausblendet.
Viele Menschen sind inzwischen so Handy- konditioniert, das sie selbst im Straßenverkehr den „rufen“ ihres Handys nicht widerstehen können und diesen selbst am Steuer mit teilweise fatalen Konsequenzen nachgeben.
Die traurigen Folgen davon zeigen sich in Deutschlands trauriger Unfallbilanz von 100.000 Zusammenstößen pro Jahr, 500 Toten und 25.000 verletzten Verkehrsteilnehmern die durch die Handybenutzung während der Fahrt (ohne Freisprechanlagen) verursacht wurden.

Die Auswirkungen der Einsamkeit auf unsere Gesellschaft sind gravierend.

Das Alleinsein wird uns als ein neues, erstrebenswertes Lebensgefühl dargestellt und wir „zelebrieren“  die Stille um uns herum so lange, bis sie uns in Form von Krankheit wieder einholt.
Irgendwann „dämmert“ es uns dann, das all die elektronische Kommunikation, all die digitalen Medien - die Smartphons und Computer – echte menschliche Nähe und direkte, persönliche Kommunikation niemals ersetzen können.
Der Gehirnforscher Manfred Spitzer* erklärt, was Einsamkeit wirklich ist.
Er bezeichnet Einsamkeit als „…schmerzhaften, ansteckenden und sogar tödlichen Megatrend, der Körper und Psyche krank macht“.
Wie schon Eingangs erwähnt, leiden einsame Menschen häufiger an Krebs, Depressionen, Demenz und ihr Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt.
Wissenschaftler*Innen sprechen von einer Epidemie, schlimmer als Adipositas, Bluthochdruck und Demenz.
Die amerikanische Tageszeitung: „New York Times“ spricht sogar davon, das in Japan einer ganzen Generation – die von digitaler Kommunikation immer mehr überflutet wird – der einsame Tod droht.

*Professor Manfred Spitzer ist Professor für Psychiatrie und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher

Wie würden Sie Hr. Professor Spitzer das Gefühl der Einsamkeit definieren?

Jeder kennt das Gefühl, wenn man unfreiwillig alleine ist. Das ist so wie Zahnschmerzen oder Kopfweh, das muss man nicht definieren; es passiert jedem im Lauf der Lebensgeschichte.
Soziale Isolation kommt über einen, da kann man nichts dafür. Ob der Partner wegstirbt, jemand krank wird oder die Kinder ausziehen: Die Gründe sind vielfältig.
Der Punkt ist der, zwischen chronischen und akuten Zuständen zu unterscheiden. Schmerzen haben ja einen positiven Sinn, weil sie uns zeigen, dass irgendwas mit unserem Körper nicht stimmt. Genauso ist es mit Einsamkeit: Wenn wir uns akut einsam fühlen, sind wir freundlicher zu anderen, wir gehen mehr aus uns raus, um dem entgegenzuwirken.
Dieses akute Gefühl kann aber auch chronisch werden.
Wir müssen damit aufhören, alles immer nur alleine oder mit dem Smartphone zu machen. Diese vielen kleinen Interaktionen zwischen Fremden sind der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält“.

Was versteht man unter dem Gefühl einer „chronischen Einsamkeit“?

Das ansonsten gute Gefühl der Einsamkeit, das uns motiviert rauszugehen, Kontakte zu suchen und zu pflegen schlägt um in ein Gefühl der Missmutigkeit, in ein „Die anderen wollen eh nichts von mir" -  Denken und man beginnt ein dauerhaftes Einsamkeitsgefühl entwickelt, das schädlich werden kann.

Was macht die „chronischen Einsamkeit“ mit uns?

Es braucht oft lange,  bis sie sich die gesundheitlichen Folgen bei chronischer Einsamkeit entwickeln.
Für einen frühen Tod ist Einsamkeit ein weit größerer Risikofaktor als Übergewicht, Rauchen, Alkoholismus oder Unsportlichkeit.
Einsamkeit stellt auch eine starke, existenzielle Verunsicherung dar.
Wenn ich niemanden habe, an den ich mich wenden kann wenn es mir nicht gut geht, den ich im Notfall um Hilfe und Unterstützung bitten auch mal mitten in der Nacht anrufen könnte wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann bin ich verunsichert und wäre ganz schlecht dran.
Nachgewiesenermaßen erzeugt eine solche, unterschwellige Verunsicherung einen erhöhten Stresshormonspiegel im Blut, der – wenn er über Jahre hinweg existiert – zu Bluthochdruck, einem Blutzuckerspiegelanstieg, Herz-Kreislauf-Problemen und Schlaganfällen und sogar zu einem führen Tod führen kann.
Man sollte sich unbedingt klarmachen, da es genau so wichtig ist, chronische Einsamkeit zu vermeiden wie sich gesund zu ernähren und zu bewegen.

Wie kann man „chronischer Einsamkeit“ entgegen wirken?

Laut groß angelegter Studien zeigt sich, dass ehrenamtliche Tätigkeiten Stress deutlich mindern und das eigene Wohlbefinden entscheidend steigern können.
Einsame Menschen fühlen sich oft nutzlos, kommen sich vor wie „Ballast“ unserer Gesellschaft und als würden sie allen nur auf die Nerven gehen.
Doch wenn ich mich ehrenamtlich engagiere und z.B. Essen für Bedürftige ausgebe, als Übungsleiter eine betreue, einen Verein leite, mich in sozialen Projekten einbringe und damit anderen helfe, die es wirklich nötig haben, gehe ich diesen Menschen damit ganz sicher nicht auf die Nerven.
Bei chronischer Einsamkeit ergibt sich darin ein realistischer und gangbarer Weg, damit diesen Teufelskreis zu durchbrechen und wieder unter Leute zu kommen
Könnten gesellschaftspolitische Maßnahmen, der Vereinsamung / Einsamkeit vorbeugen?
Ja! Wenn wir statt Altersheime und Kindergärten Mehrgenerationenhäuser bauen würden, in denen verschiedene Generationen mit deutlichem gegenseitigen Nutzen gemischt miteinander Zeit verbringen.
Denn um so sozial isolierter und einsamer Menschen sind, umso weniger Vertrauen haben sie zueinander, was sich deutlich negativ auf den Gesamtzustand aus wirkt.

Wie lässt sich zwischenmenschliches Vertrauen stärkten?

Das fängt mit kleinen, einfachen Dingen an, wie z.B. damit, dass man nicht immer nur alles mit sich selbst alleine am PC oder Smartphone – sondern einige Angelegenheiten auch mal direkt Vorort erledigt.
Das man z.B. nicht nur Online- Banking macht, sondern sich selbst mal persönlich zur Bank begibt und statt per Chat, E-Mail / SMS / WhatsApp oder Kontakt über die sozialen Medien auch immer mal wieder die persönliche Begegnung sucht um direkt menschlich miteinander ins Gespräch zu kommen.
All diese kleinen, sozialen Interaktionen – auch zwischen sich Fremden Menschen – sind der Klebstoff, der unsere Gesellschaft zusammenhält weil er für ein Gefühl sorgt, das jemand da ist, auf den ich mich – im Falle echter Freundschaften – ggf. sogar verlassen kann.
Fallen soziale Kontakte – da wo ich sie haben könnte und sollte – weg, verliere ich das Vertrauen in meine Mitmenschen.
Dann prägt sich - weil ich so selten jemandem begegne und ja scheinbar sowieso auch niemanden  brauche - das Gefühl der Vereinsamung und der chronischen Einsamkeit.
Diese Verhaltensmuster unterminieren langfristig unser soziales Zusammenleben.
Die ach so schöne, neue und vieles erleichternde Technik macht uns nicht nur bequem sondern auch immer einsamer.
Wer das versteht begreift, dass uns diese Einsamkeit langfristig und „auf Raten“ umbringt.

Sozialen Medien - sind sie eine Lösung?

Ganz im  Gegenteil stellen sie eines unserer Hauptprobleme dar.
Das Selfie, das besonders aufgehübschte eigene Profil, das Smartphone, das uns jederzeit verrät wo gerade die nächste toller Party stattfindet – der von den Medien angetriebene Narzissmus, verführt ständig dazu, uns selbst zu überhöhen.
Andererseits macht er uns gleichzeitig glaubend, dass unsere Existenz im Vergleich und im Gegensatz zu dem, was anderen Tolles passiert doch eher jämmerlich ist.
Nimmt man all die technischen Neuerungen – die für den Trend zur Vereinsamung und dem Gefühl von Einsamkeit mitverantwortlich sind – zusammen, sind diese massiv mitverantwortlich für das tatsächliche Gefühl von Einsamkeit.
Wann immer zwei Menschen etwas gemeinsam miteinander machen, ist das eine ganz andere Qualität, als wenn jeder etwas alleine tut.
Wenn wir – nahe beieinander aber nicht miteinander sind – z.B. wenn wir vor dem Bildschirm sitzen – hat das schreckliche Auswirkungen auf unsere Gefühle.

Was aber, wenn Menschen bewusst allein leben und sich aussuchen wollen, wann und ob sie Gesellschaft haben möchten?

Sie werden ziemlich bald merken, dass sie damit nicht froh werden können.
Wenn man andere Menschen und zwischenmenschliche Kontakte nur mit der Konsumbrille sieht, werden auch diese nur "konsumiert", doch Menschen und Kontakte sind keinesfalls zum Konsumieren da.
Menschen brauchen das Miteinander und das Miteinander braucht eine gewisse Tiefe, sonst wird man sehr einsam.

 

Würde denn ein weitgehender Technikverzicht helfen?

 

Nein, doch wie bei allem sollten wir überlegen was uns nützt und die Relationen beachten. „Denn allzu viel ist ungesund!...“ ist weit mehr als eine Altersweisheit.

Mit der Bequemlichkeit immer besserer Fortbewegungsmittel begannen wir langfristig dicker und vielleicht auch fauler zu werden, bewegten uns weniger und sterben dadurch auch früher.
Währen viele Menschen vielleicht eine Stunde Auto am Tag fahren, verbringen im Vergleich dazu junge Menschen zwischen 13 und 18 durchschnittlich neun Stunden pro Tag vor dem PC- Bildschirm und /oder dem Smartphone- Display.
Macht man sich diese Dimension klar, muss man erkennen, dass solche Handlungsweisen auch Konsequenzen haben werden.

>> Buchempfehlung: Einsamkeit - die unerkannte Krankheitvon Manfred Spitzer

Sollten Sie – vielleicht schon viel früher – oder auch erst beim Lesen dieses Textes gemerkt / sich bewusst geworden sein, das auch Sie einsam sind, hilft Ihnen vielleicht dieser Einsamkeits- Test, den Sie völlig anonym und ohne sich zu registrieren durchführen können.
Auch wenn er keinesfalls eine medizinische Diagnose darstellt, offenbart er Ihnen, wie sehr sich Ihre Einsamkeit manifestiert hat oder inwieweit Sie zum Handeln aufgefordert sind, um eine chronische Vereinsamung zu vermeiden oder diese wieder aufzubrechen.

Hier geht’s zum -► Einsamkeitstest

Fazit:

Einsamkeit ist nicht nur der aktuell verfügbaren, modernen Kommunikationstechnik und ihren Umgang damit geschuldet, obwohl dieser einen erheblichen Anteil daran trägt.

Wir selbst haben es nach wie vor in der Hand, ob wir und in „unser Schneckenhaus“ zurückziehen, oder ein – wenigstens – Mindest- Maß an zwischenmenschlichen Kontakten bewusst aufrechterhalten und nicht abreißen lassen.

Beachtet man – wie in so vielen anderen Lebensbereichen auch – „das rechte Maß der Dinge“, so nehmen moderne Kommunikationstechnik, die digitalen Möglichkeiten und soziale Medien den richtigen Stellenwert im Leben ein und bereichern dieses OHNE die „Nebenwirkung“ der Vereinsamung.

Es liegt – wie bei so vielen anderen Dingen auch – an unserer Einstellung und an unserem verantwortungsbewussten Umgang mit all diesen Dingen.

Wir – die „Keimzelle“ der einzelnen Persönlichkeit – ist Teil jeglicher Beziehungen und in deren Qualität immer auch mitverantwortlich für das größere und das ganz große Ganze.

Unsere Beziehungsqualitäten können der Klebstoff für eine funktionierende Gesellschaft sein, wenn wir es schon für uns selbst richtig machen und unsere eigene Vereinsamung / Einsamkeit durch Wahrnehmen und Pflegen sozialer Interaktion verhindern.

 

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