L e b e n s u m w e g e  -  E r f u r t

Die Selbsthilfegruppe für an Depressionen erkrankte Menschen und ihre Angehörigen

... wenn die Liebe zu einem/er depressiven Partrner*in krank macht - eine Co-Depression beginnt.

Das sagt der Experte zu Co-Depression

Eine Depression belastet die Beziehung schwer. Partner*innen schwanken oft zwischen Ohnmacht und Verzweiflung und leiden so sehr mit, dass es in vielen Fällen zu einer Co-Depression kommt. Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sagt dazu: „Die Erkrankung hat massive Auswirkungen auf die Partnerschaft und Familie.“

Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Lassen wir hier beispielhaft zwei Frauen zu Wort kommen, die ihre bewegende Geschichte einer Co-Depression erzählen:

"Ich hatte Angst, alles schlimmer zu machen, wenn ich ihn zurück- und zurechtweise."
„Ich hätte viel früher gehen sollen“, sagt Autorin, Bloggerin und Model Nadine* aus Berlin, wenn sie heute von ihrer Beziehung mit Christopher* (32) erzählt. Ein Jahr und drei Monate waren sie ein Paar – eine Zeit, die Nadine nie vergessen wird. Weil sie zu der schwersten und prägendsten ihres Lebens gehört.
Dabei fing alles so wunderbar an.
Nadine und Christopher lernten sich 2014 über gemeinsame Freund*innen beim Feiern kennen und es hat sofort gefunkt: „Neben ihm wirkte alles recht einfach und entspannt, irgendwie sicher“, sagt die 29-Jährige, „und er hat mich sehr umworben“. Schon nach einem halben Jahr zogen sie zusammen: „Wir brauchten beide eine neue Wohnung zu dem Zeitpunkt und es hat sich so ergeben.“ Doch kurz darauf bekam ihr Liebesglück tiefe Risse. „Zeitgleich mit dem Einzug in unsere gemeinsame Wohnung verlor er seinen Job und fing an, sich immer mehr zurückzuziehen“, erzählt Nadine.
Etwas Wesentliches veränderte sich.
Der Mann, der gerne rausgegangen und gesellig gewesen war, viel Wert auf sein Äußeres gelegt hatte, blieb auf einmal zu Hause, wurde immer antriebsloser. „Vor allem wurde er misstrauisch und eifersüchtig – unbegründet“, sagt Nadine. Hilfe verweigerte er.

Schuldgefühle und Ohnmacht

Die Abwärtsspirale der Depression drehte sich unaufhörlich und irgendwann begann Christopher jeden Morgen mit dem Satz: „Ich wünschte, ich wäre tot.“
Nadine fühlte sich ohnmächtig, hilflos, ängstlich, überfordert.
Sie rutschte in eine Co-Depression und ging weit über ihre Grenzen, um ihrem Freund zu helfen.
„Ich dachte damals, das wäre empathisch“, sagt sie heute. „Rückblickend weiß ich, dass es Hilflosigkeit war. Ich hatte Angst, alles schlimmer zu machen, wenn ich ihn zurück- und zurechtweise.“
Doch in dem Moment, als Nadine die Wohnung verlassen wollte und Christopher die Tür abschloss, auf das Mobiliar und auch auf sie losging, wurde ihr klar: So kann es nicht weitergehen – aber wie dann?
Nach zwei Suizidversuchen von Christopher war Nadine am Ende. Trotzdem hat es noch drei Monate gedauert, bis sie die Kraft hatte, ihn zu verlassen.
„Ich hatte große Angst, dass er sich wieder was antut“, sagt sie. Die Schuldgefühle waren überwältigend. Sie verbrachte immer mehr Zeit bei Freund*innen. „Er war einfach unkontrollierbar, immer wieder schwankte er zwischen Nervenwrack und tickender Zeitbombe.“
Letztlich zog Nadine an Weihnachten aus: „Die Trennung war sehr dramatisch“, sagt sie. „Er benutzte seine Suizidversuche als emotionales Druckmittel.“ Doch es ging nicht mehr.
Das Schwierigste für Nadine war, sich von Christophers emotionalem Leid zu distanzieren: „Ich habe meine Bedürfnisse komplett zurückgestellt.“ Zeichen für eine Co-Depression.

Nadine*

„Es war richtig gruselig“

So ähnlich klingt die Geschichte von Alina* und Jannik*. Auch sie lernten sich über gemeinsame Freund*innen kennen, auch bei ihnen sprang direkt der Funke über und ihr Liebesglück war anfangs perfekt: „Die Beziehung lief traumhaft. Wir waren beide sehr verliebt, verbrachten viel Zeit zusammen, waren viel draußen, sind zusammen gereist und hatten ständig wunderbaren Sex“, erzählt Alina, die unter Pseudonym ein Buch über Janniks Depression und ihre Co-Depression geschrieben hat: Die Liebe in dunklen Zeiten.

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Auch bei Alina und Jannik zogen schon bald düstere Wolken auf.

Die beiden waren ein paar Wochen zusammen und gemeinsam auf einer Dienstreise, als Alina merkte, dass etwas ganz und gar nicht stimmte: „Er kam und kam nicht vom Kunden zurück, war nicht mehr telefonisch erreichbar. Ich saß im Hotelzimmer und dachte, er hätte vielleicht was mit einer anderen Frau oder seine Ex wieder getroffen.“
Doch der Grund für Janniks Wegbleiben war ein anderer, gravierenderer. „Als er dann kam, war er völlig verändert, schwitzte, sah bleich und krank aus und war kaum ansprechbar. Es war richtig gruselig“, erzählt Alina. Das war nur der Anfang. „Er wurde immer düsterer und stiller, konnte kaum noch lachen“, sagt sie. Wie Christopher wollte auch Jannik nicht mehr das Haus verlassen, keine Leute mehr treffen, zog sich immer mehr zurück.
Und wie Nadine litt auch Alina mit – Co-Depression. Das Schlimmste war damals für sie, „ihn leiden zu sehen, nicht helfen zu können und ihre Träume von einer lebenslangen Beziehung mit ihm sehr gefährdet zu sehen“. Er wurde immer düsterer und stiller, konnte kaum noch lachen.
Es dauerte, bis den beiden klar wurde, was da eigentlich los war.
„Depression steht ja nicht drüber. Das ist eine Krankheit, die sich massiv auf der Beziehungsebene ausdrückt, weil die Betroffenen sich sozial nicht mehr richtig verbinden können“, meint Alina.
„Und bei vielen, so auch bei Jannik, erlischt die Libido fast ganz. Das hatte zur Folge, dass wir beide zuerst dachten, mit unserer Liebe wäre etwas nicht in Ordnung.“
Irgendwann kam das Wort Depression auf – ein wichtiger erster Schritt. Und der Beginn eines langen, anstrengenden gemeinsamen Weges. Auf die Frage, ob es einen Moment gab, an dem sie nicht mehr konnte, antwortet Alina: „Ja, etwa 38-mal im Jahr.“

Alina*

Aber es ist für Partner*innen und Betroffene auch schwer, die Depression überhaupt zu erkennen.

Dann bestehe laut Professor Hegerl das Risiko, das veränderte Verhalten des*der Erkrankten falsch zu interpretieren: „Die Rückzugsneigung kann beispielsweise als Lieblosigkeit oder die Antriebslosigkeit als Bequemlichkeit gedeutet werden.“ Und das könne bei Partner*innen Enttäuschung, Frustration und Ärger auslösen.

Dazu kommen unter anderem Persönlichkeitsveränderungen bei von einer Depression Betroffenen, die ohne entsprechende Diagnose schwer einzuordnen sind. „Der Charakter wird als etwas kaum veränderbares angesehen, es gibt jedoch tiefgehende Veränderungen im Erleben und Verhalten in einer depressiven Krankheitsphase, die Symptome dieser Erkrankung sind – wie das Fieber bei einer Grippe“, sagt der Professor. „Die Depression sucht immer nach negativen Dingen im jeweiligen Leben, vergrößert diese und rückt sie ins Zentrum des Erlebens. Dann führt die innere Dauerspannung in der Depression dazu, dass die Erkrankten sich zurückziehen, keine Ablenkung oder Stimulation von außen wollen, sondern am liebsten die Decke über dem Kopf und Ruhe.

Typisch für eine depressive Erkrankung sind beispielsweise verstärkte Neigung zu Schuldgefühlen, eine permanente innere Daueranspannung und Erschöpfung, Appetitmangel.

Professor Hegerl nennt noch ein paar weitere Anzeichen, an denen sich eine Depression erkennen lässt: „Typisch für eine depressive Erkrankung sind beispielsweise:

  • verstärkte Neigung zu Schuldgefühlen,
  • eine permanente innere Daueranspannung und Erschöpfung
  • Appetitmangel
  • Hinzu kommen Tagesschwankungen mit größerer Depressionsschwere am Morgen und hartnäckige Schlafstörungen.“
Die Diagnose müssen aber letztlich Fachärzt*innen stellen. Oft sind Termine dort allerdings nicht so einfach zu bekommen.

Wie bei jeder schweren Krankheit reagieren Angehörige mit Sorgen, Mitleid, Hilflosigkeit oder auch Wut.
Laut der Untersuchung Deutschland-Barometer Depression entwickeln auch 73 Prozent der Partner*innen Schuldgefühle. Wichtig sei deshalb für Angehörige, sich im ersten Schritt klarzumachen, dass sie nicht schuld an der Depression seien.
Professor Hegerl: „Das gilt auch, wenn es vorher vielleicht Konflikte und Spannungen in der Beziehung gab. Angehörige sind auch nicht verantwortlich für die Heilung.“
Obwohl Unterstützung wie bei jeder Erkrankung durchaus wichtig sei, sollten sich Partner*innen von Menschen mit Depression ihre Grenzen bewusst machen: „Angehörige können eine Depression mit Liebe und Zuwendung ebenso wenig heilen wie Diabetes oder andere Erkrankungen".

"Verantwortlich für die Behandlung sind Ärzte und psychologische Psycho-therapeuten“, stellt der Experte klar.

Und auch weil es konkret Leben retten kann, ist es so wichtig, sich gründlich über das Thema Depression und Co-Depression zu informieren. „Wenn sich ein Partner oder eine Partnerin völlig verändert, tief verzweifelt wirkt und vielleicht sogar Suizidgedanken äußert, dann sollte schnellstens professionelle Hilfe geholt werden“, sagt Professor Hegerl. „Bei erhöhter Suizidgefährdung kann auch der Notarzt verständigt werden.“

Eine Depression ist eine ernsthafte, potenziell tödliche Krankheit, die nicht durch bloße Willensanstrengung oder gutes Zureden zu überwinden ist. Liebe ist wichtig, aber sie allein ist nicht genug.

Manchmal ist die Dunkelheit so ausgedehnt und tief, dass sie selbst die größte Liebe schluckt, den*die Partner*in mit in den Abgrund reißt und die Beziehung zermürbt.

In unserem Deutschland-Barometer Depression berichteten 45 % der Betroffenen, dass es aufgrund der Depression zu einer Trennung gekommen ist“, sagt Professor Hegerl.
Doch das ist nur eine Seite. Es gibt auch Fälle, in denen die Beziehung durch eine Depression stärker wird. „Ein Teil der Betroffenen berichtete rückblickend von positiven Erfahrungen“, so Hegerl. „36 Prozent gaben an, dass das gemeinsame Durchstehen der depressiven Krankheits-phase die Beziehung sogar vertieft und gefestigt habe.

Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Als Paar gemeinsam wachsen

Ziemlich genau so lief es letztlich bei Alina und Jannik. „Wir sind jetzt bald zwölf Jahre zusammen“, sagt Alina. „Es geht uns gut, wir sind glücklich und stabil.“ Die beiden haben es geschafft, Janniks Depression als Chance zu nutzen, zusammen wichtige Themen anzugehen und sich dadurch zu entwickeln.

Die Depression stellt alle, aber auch wirklich alle wesentlichen Lebens- und Liebesfragen an ein Paar“, sagt Alina. „Wenn es gelingt, die gemeinsam anzugehen – am Besten unterstützt durch kompetente und depressionserfahrene Paartherapeuten plus einzelne Psychotherapien –, dann wächst ein Paar daran. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Aber so ist es bei uns gewesen.

Entscheidend war, auf der Suche nach guten Ärzt*innen, Therapeut*innen und Behandlungsmöglichkeiten nicht aufzugeben. „Wir hatten das Glück, in einer Großstadt zu leben, da gibt es immerhin eine Auswahl“, sagt Alina. „Aber auch da muss man oft lange suchen, bis man wirklich gute Leute findet.

Nicht nur Jannik hat eine Therapie begonnen, auch Alina.

Rückblickend hätte sie viel früher damit anfangen sollen, sagt sie. Und sie würde ihm auch deutlich weniger abnehmen. „Nur ganz am Anfang, bis er oder sie eine Therapie hat. Dann Finger weg von Hilfeleistungen und Liebespartnerin bleiben“, sagt Alina heute. Sonst verändere sich die Beziehungsdynamik und aus Liebenden würden Hilfebedürftige*r plus Helfende*r: „So war das bei uns lange und das war gar nicht gut.

Was ihnen sonst auf dem Weg durch die Depression geholfen hat?

Ehrlichkeit und Respekt füreinander“, sagt Alina. Die beiden haben vereinbart, dass Jannik Alina immer freundlich und respektvoll behandelt. Auch wenn er sehr gereizt oder erschöpft war, hat er sich Mühe gegeben. „Und dass ich irgendwann – zu spät – angefangen habe, bewusst schöne Dinge für mich zu machen und nicht immer darauf zu warten, dass er mitmacht. Weil er das ja nicht konnte“, so Alina.

Im Verlauf der Krankheit und Therapie sei Jannik nach und nach immer mehr er selbst geworden, sagt Alina heute. „Er brauchte Psychotherapie und viel Zeit, um langsam zu lernen, wie er zu sich selbst stehen kann. Das gelingt ihm mit jedem Jahr besser und er ist dadurch immer glücklicher und gesünder.

Die beiden haben es geschafft.

Aber es ist genauso okay, einen Schlussstrich zu ziehen, wenn es nicht mehr geht und Depression und Co-Depression zu stark sind – so, wie es Nadine getan hat.

Nur, wer selbst Kraft hat, kann was abgeben.

Am Ende war ich co-depressiv und einfach nur erschöpft und ängstlich. Das Leben machte mir Angst“, sagt Nadine. „Ich kann jedem nur raten, in so einer Situation psychologische Hilfe zu suchen und auch die Familie zu Rate zu ziehen.

Es sei hilfreich, meint Nadine, Unterstützung zu haben, sich mit Menschen auszutauschen und mit der Co-Depression nicht allein zu sein. Das bestätigt auch Professor Hegerl: „Der Austausch mit anderen, die in einer ähnlichen Situation sind, kann entlasten.“ Dazu gehören auch Angehörigengruppen.

Es gibt durchaus einiges, was Nadine heute anders machen würde. Vor allem aber würde sie mehr auf sich selbst achten: „Man kann Hilfe anbieten, aber man muss auch die eigenen Ressourcen schützen. Die eigene Gesundheit muss immer an erster Stelle stehen.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Alina gemacht, darum rät sie Menschen mit Co-Depression: „Den Partner oder die Partnerin so viel wie möglich selbst machen lassen. Auf keinen Fall zum wichtigsten Helfer werden.“ Stattdessen dabei helfen, gute Helfer*innen zu finden – vorausgesetzt, der*diejenige ist bereit und in der Lage.

Die eigene Gesundheit muss immer an erster Stelle stehen.

Nadine:

Auch auf Alkohol und Drogen zu verzichten, habe ihrer Beziehung in der schweren Zeit gut getan. „Und ich würde unbedingt auf getrennten Wohnraum achten, um einfach eigenen Raum zu haben, der nicht unter der Glocke der Depression steht“, sagt sie. „Das zieht nämlich extrem runter und man merkt es kaum, weil es so schleichend und alltäglich ist.

Alina:

Unterm Strich sei es wichtig, nicht gegen die Depression zu leben – sondern mit ihr: „Und dem festen Ziel, es gemeinsam zu schaffen.

Nadine:

Ja, eine Depression kann die Beziehung sehr belasten. Gerade deshalb muss man auf sich selbst achten und die Balance zwischen Unterstützung für den*die Partner*in und der eigenen seelischen Gesundheit wahren. Eine Lektion fürs Leben, findet Nadine: „Heute geht es mir gut. Ich habe gelernt, dass jeder Mensch Grenzen hat und dass auch geteiltes Leid immer noch Leid ist. Das war wichtig.

Und inzwischen ist Nadine der Erfahrung und der Co-Depression fast dankbar: „Auch wenn ich viele schlaflose Nächte, Panikattacken und unschöne dunkle Phasen hinter mir habe – sie haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

*Namen geändert

Hilfe holen!

Falls Sie unter Depressionen leiden und Sie von Suizidgedanken geplagt werden, finden Sie bei der -► Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines:

  • 0800 / 1110111
  • 0800 / 1110222

rund um die Uhr Hilfe.

Sie können sich dort anonym und vertraulich beraten lassen.

Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich auch an den bundesweiten -► AGUS- Verein (AGUS = Angehörige um Suizid e.V.) wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.

Weitere Hilfe und Infos für Partner*innen gibt es hier:

Hier noch ein paar wichtige Gedanken, Tipps und Hinweise aus meiner eigenen Betrachtung:

Im vorangegangenen Text heißt es: „Liebe ist wichtig, aber sie allein ist nicht genug“… und … „Angehörige können eine Depression mit Liebe und Zuwendung ebenso wenig heilen wie Diabetes oder andere Erkrankungen".

Hier liegt der Denkfehler der Angehörigen von Betroffenen fast immer darin, das sie meinen, mit noch mehr Liebe, noch mehr Verständnis, noch mehr Toleranz, eigener Zurücknahme und sich noch mehr anpassen könnten sie dem / der Betroffenen helfen.

Das ist – wie in den vorangegangenen Lebensbeispielen aufgezeigt wird – falsch und hilft weder dem Betroffenen noch dessen Angehörigen weiter.

Wenn der Angehörige sich bemüht, noch mehr zu Liebe, zu Verstehen, zu Tolerieren, sich Zurückzunehmen und sich noch mehr anzupassen kommt auch er / sie an eigene Grenzen bzw. zu deren Überschreitung.

Daraus ergibt sich für den Angehörigen / die Angehörige oft ein Weg in die eigene emotionale Überforderung und im weiteren Verlauf das schleichende hineingeraten in die Co- Depression.

Mit Klick auf -► "Co-Depression beim Partner – Wenn Depressionen anstecken" gelangen Sie zu einer Internetseite mit der Seitenüberschrift: "Kann man sich beim depressiven Partner anstecken? Co-Depressionen gibt es wirklich: sie treffen Dich, wenn Du mit einem depressiven Partner, Familienmitglied oder Freund zusammenlebst und Dich nicht ausreichend schützt: vor Überforderung, negativen Gedanken & Schuldgefühlen".

Vor allem für Angehörige, Partner*innen, Freund*innen, Kolleg*innen von Betroffenen gilt ausnahmslos: „Die eigene Gesundheit muss immer an erster Stelle stehen!“.

Viele von uns kennen den aus der Bibel (Neues Testament Matthäus Kapitel 22, Vers: 39) stammenden Satz: … »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

Aber ebenso viele vergessen die „Selbstliebe*, denken an sich selbst viel zu wenig und vergessen sich irgendwann ganz und gar im aufgehen für ihren / seinen betroffenen Partner*in.

Dabei wird auch oft die Grenze der eigenen Freiheit überschritten und Betroffene betrachten Partner / Partnerin als ihr Eigentum.  

Wird es Angehörigen zu eng, zu kontrolliert, zu dominiert und kommen erpresserische Aussagen mit der Androhung von Suizid – die aber nur als Druckmittel benutzt werden um Angehörige in der jeweiligen Beziehungskonstellation einzusperren und festzuhalten – dazu, muss ein Ende gesetzt werden.

Wie wir in den vorangegangenen Beispielerzählungen nachlesen können: „ …es ist genauso okay, einen Schlussstrich zu ziehen, wenn es nicht mehr geht und Depression und Co-Depression zu stark sind"!

Wie dieser Schlussstrich aussehen muss, liegt allein in der jeweiligen Konstellation begründet und lässt sich keinesfalls pauschal formulieren.

Ggf. kann das Verändern der gemeinsamen Wohnsituation, eine Kontaktsperre für eine längere Zeit oder der gemeinsame Besuch von entsprechenden Beratungsstellen bzw. eine Kombination der verschiedenen Möglichkeiten eine Lösungsidee sein, trotzdem kann es manchmal auch sein, das eine grundsätzliche Beendigung der Beziehung notwendig wird.

Auch wenn der Betroffene nicht nur mit Suizid droht, sondern ihn in Folge von räumlichen oder gänzlichen Trennungen tatsächlich realisiert, sind Angehörige KEINESFALLS in irgendeiner Form daran „schuld“ oder verantwortlich.

Jeder Mensch bestimmt einzig und vollumfänglich selbstverantwortlich über sein Leben und ist – sofern nicht schwere Geisteskrankheiten eine eigene Wahrnehmung nicht mehr ermöglichen – ausschließlich für sich selbst verantwortlich.

NIEMAND „treibt“ einen an Depressionen Erkrankten in den Suizid und NIEMAND darf solche Vorwürfe an sich heran lassen.

Helfen Sie als Angehöriger zuerst sich selbst - das überhaupt nichts mit Egoismus zu tun - ,denn Sie sind weder Psychiater noch Therapeut und zuerst einmal für sich selbst und Ihr eigenes (Über)Leben verantwortlich.

Vielleicht kann es sein, das Sie irgendwann Wegbegleiter ihres Betroffenen sein können, wenn er / sie soweit gekommen ist, das neben fachärztlich (ggf. klinischer), therapeutischer und eventuell auch medikamentöser Versorgung seine eigene, stabilisierte Situation dies überhaupt erst wieder ermöglicht.

Dann braucht es Ihre eigene Sicherheit, Stabilität und deutliche Positionierung, um in eine Begleitung  einzutreten OHNE sich dabei (wieder) in einer Co- Depression hinein zu manövrieren.

*„Selbstliebe“ auch Eigenliebe bedeutet, sich selbst ohne jegliche Einschränkungen und Ausnahmen und mit allem was dazu gehört bedingungslos zu lieben. Der Begriff ist sinnverwandt, jedoch nicht vollständig synonym, mit Begriffen wie:

  • Selbstannahme
  • Selbstachtung
  • Selbstakzeptanz.
  • Selbstzuwendung
  • Selbstvertrauen
  • Selbstwert.

Zur einer wirklich praktizierten / gelebten Selbstliebe gehört:

  • Akzeptiere Dich – Deine Gefühle und Gedanken (auch wenn Du Dir damit manchmal komisch, unsicher oder "völlig daneben" vorkommst)
  • Lobe Dich selbst – regelmäßig (u. A. auch laut wissenschaftlichen Studien zum Thema: "Autosuggestion" eine selbstheilungsfördernde Selbsthilfemöglichkeit)
  • Sei dankbar für alles (denn nichts ist selbstverständlich und nur durch Dankbarkeit kann man das Leben als Geschenk begreifen und es dadurch gänzlich anders leben und gestalten)
  • Wertschätze Deinen Körper (Du hast nur den einen und er muss D/ein ganzes Leben lang funktionieren)
  • Höre nie auf, an Dir zu arbeiten (aber bleib trotzdem Du selbst und „verliere" Dich nicht)
  • Nimm Dir regelmäßig Zeit für Dich (aktive Zeit, kein „herumhängen vorm Fernseher oder den Tag auf der Couch Verpennen)
  • Sei barmherzig – vor allem zu Dir selbst (vertritt und verteidige Dich als „Dein Anwalt“ und hör auf, ständig nur Dein „Richter und Ankläger“ zu sein)
  • Glaube daran, dass Du das schaffen kannst (und ermutige Dich im Rückblick auf das schon Erreichte daran immer wieder selbst)
  • Notiere Deine Erfolge – auch die Kleinen (sie helfen Dir bei der Selbstermutigung, beim Durchhalten und Wiederaufraffen nach Tiefschlägen und / oder Misserfolgen)
  • Verzweifle nicht an Misserfolgen (Alles bleibt nur solange schlecht, bis man das Gute daran erkennen kann und wird)

Olaf Lindenlaub, Gesprächsgruppenleiter der SHG Lebensumwege-Erfurt

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