L e b e n s u m w e g e  -  E r f u r t

Die Selbsthilfegruppe für an Depressionen erkrankte Menschen und ihre Angehörigen

Wie Sie sich denken und auch auf unserer Homepage in den verschiedenen unter: -►Depressiv durch … aufgeführten Rubriken immer wieder nachlesen können, gibt es verschiedene Ursachen, die - jede einzeln, mehrere zusammen und / oder in Kombination mit anderen in ihrer Summe – allein- oder mitverursachend für eine Erkrankung an Depressionen sein können.

Unter anderen und zusätzlich zu den unter dieser Rubrik bereits genannten, muss hier auch die Posttraumatischen Verbitterungsstörung PTED (= Posttraumatic Embitterment Disorder – ICD*-10: F 43.8 - als sonstige Reaktion auf schwere Belastung) als möglicherweise mitverursachend erwähnt werden.

*Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen.- Laut Wikipedia

Mit negativen Erlebnissen zurechtzukommen gelingt uns unterschiedlich gut.
Während manche Menschen ohne große Schwierigkeiten in der Lage sind, solche Erfahrungen zu akzeptieren und den Blick nach vorne zu richten, hadern andere lange Zeit mit dem Erlebten.
Die Erlebnisverarbeitung hängt dabei sowohl von der individuellen Persönlichkeit als auch vom spezifischen Ereignis ab, dass es zu bewältigen gilt.

Wie der Psychiater an der Berliner Charité – „Michael Linden“ es vor wenigen Jahren erstmals ausführlich beschrieben hat, handelt es sich bei der Posttraumatischen Verbitterungsstörung um eine Unterkategorie der Anpassungsstörungen, die nach – wenn auch nicht außergewöhnlichen aber doch deutlich einschneidenden Lebens-ereignissen – auftreten können.
Linden hat seinerseits folgende Ursachen für die Posttraumatische Verbitterungs-störung festgestellt:

  • Kündigung am Arbeitsplatz (gilt für 38 Prozent)
  • Konflikte am Arbeitsplatz (25 Prozent)
  • Tod eines nahen Angehörigen (14 Prozent)
  • sowie familiäre Konflikte (14 Prozent).

Wenn dadurch das Lebenskonzept eines Menschen zutiefst beeinträchtigen wird, es durch solch schwerwiegende Lebensereignisse zerbricht, kann es zu einer Post-traumatischen Verbitterungsstörung kommen.

Verbitterung

„Ausgeprägte Verbitterung ist stets verbunden mit einem brennenden Gefühl von Unfairness und Ungerechtigkeit, einem zur Gegenwehr herausfordernden Gefühl, dass einem grundlos oder zumindest ohne hinreichenden Grund Schlimmes widerfahren ist.

Verbitterung ist eine sich selbst verstärkende „masochistische Anpassungsreaktion“, die ein Gefühl von Kontrolle durch Selbstzerstörung gibt“

Alexander J (1960) The psychology of bitterness. Intern. J. Psychoanal. 41, 514- 5209

Die Verbitterung ergibt sich als komplexe Emotion, z.B. aus: 

  • Frustration -► mir geht etwas schief (ich habe den Bus verpasst)
  • Ärger -► das hätte nicht sein müssen (ich habe getrödelt, mich verzettelt)
  • Zorn -► hätte das nicht auch anders laufen können (der Fahrer hätte doch auch warten können)
  • Hilflosigkeit -► nun gibt es keine Alternative mehr (eine andere Verbindung gibt es nicht)
  • Hoffnungslosigkeit -► es lässt sich nicht mehr ändern (das war der letzte Bus)
  • Aggression -► der hat das mit Absicht gemacht (er hat mich doch noch gesehen)
  • Verzweiflung -► das war so wichtig für mich (nun komme ich nicht zum Vorstel-lungsgespräch)
  • Kränkung -► nun werde ich auch noch verhöhnt (der Fahrer macht sich noch lustig über mich)

Jeder weiß, dass Gefühle wie Kränkung oder Verlust zu unserem Leben dazugehören.

Wenn diese Gefühle jedoch immer mehr werden, man sich nicht mehr mit als kränkend empfundenen Ereignissen abfinden kann, besteht die Möglichkeit der Entwicklung einer Posttraumatischen Verbitterungsstörung.
Ein normaler Lebensalltag wird dadurch fast unmöglich.

Mitunter ergeben sich daraus die uns bekannten und sehr schlimmen Momente im Leben, in denen man sich selbst existenzielle Sinnfragen stellt: „Hat alles was ich tue überhaupt noch Sinn? Genüge ich all den Anforderungen, die das Leben an mich stellt“?

Kränkungen können dafür sorgen, dass aus Selbstzweifeln und Niedergeschlagenheit ein Wutempfinden wird. Dann drängen sich Fragen auf wie z.B.:

  • Warum geht es anderen immer besser als uns selbst?
  • Warum sind sie erfolgreicher und erreichen mehr in ihrem Leben?
  • Warum bleiben wir stets hinter unseren eigenen Erwartungen zurück?
  • Warum bringen uns andere um unsere Anerkennung und Entlohnung?

Die Verbitterung kann dabei folgende Formen annehmen:

  • normale
  • Konfliktbegrenzte reaktive (Ereignis- / Erlebnis- /Situationsbezogen
  • Sozialbegrenzte reaktive (z.B. ich bekomme jetzt nur noch Harzt IV)
  • generalisierte (verallgemeinernd)
  • verbitterte Persönlichkeit(sstörung)
  • sekundäre

Obwohl diese Gedanken und Gefühle keine Seltenheit sind, sind sie doch so speziell, dass es dafür ein medizinisch anerkanntes und absolut ernst zu nehmendes Krankheitsbild: das der „Posttraumatischen Verbitterungsstörung (PTED = Posttraumatic Embitterment Disorder)“ gibt.

Da das Phänomen der posttraumatischen Verbitterungsstörung noch zu kurz bekannt ist, gibt es kaum epidemiologischen Daten.
Die befragten Experten – wie z.B. der österreichische  Universitäts- Professor: Dr. Hartmann Hinterhuber der Medizinische Universität Innsbruck und Universitäts- Professor: Dr. Siegfried Kasper der Medizinische Universität Wien – können aus ihrer Erfahrung nur bestätigen, dass eine posttraumatische Verbitterungsstörung immer dann eintreten kann, wenn die zentralen Grundannahmen den Menschen verletzt werden.

Prof. Dr. Hinterhuber formuliert folgende Beispiele:

  • Eine Mutter, die ihre berufliche Tätigkeit aufgibt, ihr Leben der Kindererziehung widmet und dann mit Scheidung konfrontiert wird.
  • Ein Angestellter, der sich jahrelang mit den Zielen des Unternehmens völlig identifiziert, mehr leistet als von ihm verlangt und dann gekündigt wird.

und Prof. Dr. Kasper nennt ein konkretes Beispiel:

  • Eine Sekretärin, die 28 Jahre für ein Unternehmen gearbeitet hat, wird drei Jahre vor dem ge-planten Ruhestand gekündigt. Dieses schwerwiegende Lebensereignis hat das Lebenskon-zept der Patientin verworfen.

Diagnose Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED) oder Depression?

Solche einschneidende Lebensereignisse wie in den o. g. Beispielen sind auch die wesentliche Grundlage für die Diagnose: Posttraumatische Verbitterungsstörung.

Prof. Dr. Hinterhuber resümiert: „Es lässt sich eine lang anhaltende Niedergeschlagenheit feststellen, darüber hinaus auch eine phobische Vermeidung von Situationen, die mit dem Ereignis in Zusammenhang gebracht werden können - der Mensch fühlt sich einfach gekränkt.

Für Prof. Dr. Kasper sind Patienten, bei denen eine posttraumatische Verbitterungsstörung diagnostiziert wird, vielfach dysphorisch – womit er eine leichte Angeschlagenheit und leichte Aggressivität beschreibt.

Bestimmte Lebensereignisse – wie z.B. der Verlust der Arbeit – werden als besonders verletzend empfunden, so dass sich hier auch massive Selbstvorwürfe ergeben und eine Rolle spielen.

Die eher unspezifischen somatische Störungen, wie Schlaf- und / oder Appetit-losigkeit, können laut Kasper die Diagnose posttraumatische Verbitterungsstörung untermauern.

Insgesamt betrachtet – meint Prof. Dr. Hinterhuber in Berufung auf Aussagen seiner Patienten – seien die Kränkungen wesentlich einschneidender als eine Depression.

Für Prof. Dr. Kasper ist die Abgrenzung von der Depression jedenfalls klar:
Während sich der Patient  im Falle einer posttraumatischen Verbitterungsstörung als Opfer sieht und hilflos dem System ausgeliefert fühlt, gibt sich ein Depressiver selbst die Schuld am Ereignis.

Wie schon eingangs zitiert bedeutet Verbitterung ja „… eine sich selbst verstärkende „masochistische* Anpassungsreaktion“, die ein Gefühl von Kontrolle durch Selbst-zerstörung gibt“
Innerhalb dieser „Anpassungsreaktion“ ist man mit  „… einem brennenden Gefühl von Unfairness und Ungerechtigkeit…“ und „… einem zur Gegenwehr heraus-fordernden Gefühl …“ konfrontiert.
Die Reaktionen sind – oft mitverursacht von Selbstmitleid – innere Blockaden, ein Steckenbleiben, die Suche nach externer Anteilnahme und Bestätigung, „… dass einem grundlos oder zumindest ohne hinreichenden Grund Schlimmes widerfahren ist".
Im „Steckenbleiben“ wird eine abstrakte Befriedigung in der Verbitterung empfun-den, was eine „Beweglichkeit“ ebenso behindert wie eine Behandlung.

*wenn ein Mensch Lust oder Befriedigung dadurch erlebt, dass ihm Schmerzen zugefügt werden oder er gedemütigt wird.

Therapieablehnung bei Verbitterungszuständen

  • Der Patient sieht keine Veränderungsnotwendigkeit bei sich sondern beim Aggressor.
  • Psychiater und Psychotherapeuten sind daher der „natürliche Feind“ eines Verbitterten.
  • Die vorherrschende Stimmungslage umfasst: Misstrauen, Abwertung, „Bissigkeit“, Zynismus, fatalistische Resignationstendenz, Kränkbarkeit, Scham
  • Die Betroffenen stehen in Feindschaft zur Welt und wissen, dass sie keine Freunde haben bzw. Verständnis finden.
  • Sie wollen kein Mitgefühl, sondern es der Welt zeigen.
  • Wenn man ihnen Mitgefühl entgegen bringt, reagieren Sie mit Misstrauen

Therapie

Sie zielt darauf ab, den Betroffenen innerhalb eines vertrauensvollen und haltgeben-den Umfelds auf korrigierende Perspektivwechsel und neue Beziehungserfahrungen auszurichten. Dazu gehören z.B.:

  • Strukturbildende und stabilisierende Elemente und Angebote
  • Ressourcenaktivierende Methoden in Bewegungs-, Musik- und kreativer Therapie
  • Unterschiedliche Zugangsweisen zum Erleben durch körperbezogene Therapien, gestalterische Medien, Musik, Entspannung oder Imagination, Aggressionsarbeit, Therapeutisches Rei-ten und Rhythmustherapie
  • Förderung von lebenspraktischen Kompetenzen („Lebensführung“, „Beziehung und Kommunikation“)
  • Funktionell wirksame Therapien wie Physikalische Therapie, Sport und Gymnastik sowie Ent-spannungsverfahren
  • Nährende und unterstützende Therapien, wie die Wassertherapie, meditative und imaginative Methoden
Die Ähnlichkeiten zur Behandlung von Depressionen sind hier deutlich zu erkennen und natürlich müssen  hier auch die Wechselwirkungen zwischen beiden Krankheitsbildern berücksichtigt und sich gegenseitig verstärkende Komponenten ebenso ergründet werden, wie sich überlagernde.

Meiner eigenen Betrachtung / Ansicht nach, kann sich eine Posttraumatische Verbitterungsstörung auch aus der in sich selbst destabilisierten Persönlichkeit eines depressiv vorerkrankten Menschen und dessen Beeinträchtigungen entwickeln.

So sehe ich in ihr vor allem eine Beziehungs- bzw. Bindungsstörung, in der ein Mangel oder Verlust eines haltgebenden Umfeldes ebenso mitverursachend sind wie traumatische Beziehungserfahrungen.

Menschen mit dieser Störung verbinden häufig Fälle von Kränkung und Enttäuschung und/oder dementsprechende Erlebnisse mit Gefühlen von Ausgrenzung und Unge-rechtigkeit.

Diese durch menschlich, demütigende, schicksalhafte, sozial bedingte, unfaire Behandlung ... erlebte, traumatisierenden Beziehungserfahrungen haben nicht nur einen enormen Einfluss auf das Erleben und Verhalten im Hier und Jetzt.

Sie können auch dafür sorgen, dass aus Selbstzweifeln und Niedergeschlagenheit ein Wutempfinden wird, sondern auch eine krankhafte, Posttraumatische Verbit-terungsstörung entsteht.

Mitunter ergeben sich daraus sehr schlimme Lebensmomente, in denen man sich selbst existenzielle Sinnfragen stellt, die sich unbewusst und unbeabsichtigt oft gegen sich selbst richten: „Hat alles was ich tue überhaupt noch Sinn?“, Genüge ich den Anforderungen noch?“.

Mangels externer Reaktion und Antwort beginnt dann – genährt durch mangelndes Selbstwertgefühl, Selbstunsicherheit usw. – eine „eigene Beantwortung“ solcher Fragen und durch eine eigene Schuldzuweisung ein masochistischer Umgang mit sich selbst.

Das Denken abstrahiert sich in dieser emotionalen Unsicherheit in einem scheinbaren Sicherheitsgefühl, dass sich aus der Selbstbeantwortung und den eigenen Schuldzu-weisungen ergibt.

Das Bestreben, andere an der eigenen Verbitterung teilhaben lassen zu wollen / zu müssen, ist – je nach Reaktion – sehr unterschiedlich und gegensätzlich.

Mitgefühl, Bestätigung / Akzeptanz bewirken ein „sich Öffnen und darüber reden können = ein persönliches Wohlgefühl, ein „teilen können“ der eigenen Verbitterung. 
Aber Ablehnung, Inakzeptanz, Unverständnis oder gar die Rückmeldung es doch nicht so eng zu sehen verursachen Verschlossenheit, Verstärkung, Rückzug und noch tiefere Verbitterung.

Verwendete Quellen:

Österreichische Ärztezeitung ÖÄZ 6 - 25.03.2008 - Von Jutta Maucher
Posttraumatische Verbitterungsstörung: Wenn Lebenskonzepte zerbrechen.
Wenn schwerwiegende Lebensereignisse das Lebenskonzept eines Menschen zutiefst beeinträchtigen, kommt es zu einer posttraumatischen Verbitterungsstörung. Der Hausarzt nimmt dabei eine herausragende Präventiv-funktion ein.

Deutschlandfunk 19.08.2003 - Von Monika Wimmer
Posttraumatische Verbitterungsstörung
Manche Menschen reagieren auf einschneidende Ereignisse wie den Verlust des Arbeitsplatzes oder des Lebenspartners nicht nur vorübergehend sondern dauerhaft. Sie erholen sich nicht mehr, reagieren mit einer ganzen Reihe psychosomatischer Beschwerden und Verhaltensauffälligkeiten. Der Psychiater Michael Linden von der Charité Berlin hat in einer Studie festgestellt, dass sich die Beschwerden und Auffälligkeiten dieser Patienten über ein Gefühl erfassen und damit auch behandeln lassen. Bei diesen Patienten herrscht Verbitterung über alle anderen Gefühle.

GMX aktualisiert am 09.08.2021 - von Nina-Carissima Schönrock Aktualisiert, 16:04 Uhr
Posttraumatische Verbitterungsstörung: Wenn ein Alltagsmoment zum großen Problem wird

Hogrefe Verlag, Göttingen (9783840928222) © 2017 (PDF- Dokument)
Aus Michael Linden: Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung
PDF- Download: Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED) - Diagnostik und Behandlung Prof. Dr. Michael Linden
Charité Universitätsmedizin Berlin
Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation
Institut für Verhaltenstherapie Berlin

Michael Linden - Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Charité und der Rehabilitationsklinik Seehof, Teltow/Berlin
Eine pathologische Verarbeitung von Kränkungen - Die Posttraumatische Verbitterungsstörung psychoneuro 2005; 31 (1): 21–24

Charite Universitätsmedizin - Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation (FPR)
FPR - Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED)

Team „DepressionEnde“ Verbitterungsstörung - Was ist eine Verbitterungsstörung?

24vita.de (24vita.de ist Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes, zu dem rund 50 Nachrichtenportale  gehören) - Von: Kristina Wagenlehner, Aktualisiert: 16.07.2021
Verbitterungsstörung: Erklärung, Symptome und Therapie   
Was, wenn die Zeit nicht alle Wunden heilt? Wenn man die Enttäuschungen des Lebens nicht verarbeitet? Dann droht eine chronische Verbitterung – eine Verbitterungsstörung.

Heiligenfeld Kliniken (Klinikgruppe mit Hauptsitz in Bad Kissingen, Schwerpunkt psychosomatische Behandlung)
Posttraumatische Verbitterungsstörung


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